Museen sind Schatzkammern: Sie sammeln und bewahren Gegenstände aus vergangenen Zeiten, erforschen deren Geschichte(n) und bringen sie zum Sprechen. Dabei sind es nicht selten die auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge, die Spannendes zur lokalen Historie zu berichten haben. In der Reihe „Objekt des Monats“ werden im Stadtmagazin DER MEPPENER regelmäßig herausragende Exponate und Sammlungsstücke aus dem Bestand des Stadtmuseums vorgestellt.
(jt) Heute genügt meist ein Knopfdruck, um Wohnräume zu beheizen. Die Temperatur lässt sich bequem einstellen und stets zur Verfügung stehende Wärme gehört für viele Menschen ganz selbstverständlich zum Alltag. Noch vor wenigen Jahrzehnten war das Heizen allerdings deutlich beschwerlicher. Bevor ein Zimmer warm wurde, musste in der Regel zunächst ein Ofen „angefeuert“ werden. Der in diesem Serienteil vorgestellte sogenannte „Kanonenofen“ aus der Sammlung des Stadtmuseums Meppen stammt aus einer Zeit, als es bei der Ofenwärme noch nicht – wie heute – um luxuriöse Behaglichkeit, die man sich etwas kosten lässt, ging, sondern um eine schlichte Notwendigkeit.
Die Bezeichnung „Kanonenofen“ geht auf die zylindrisch-runde Form der Öfen zurück, die an ein Kanonenrohr erinnert. Die frühen Modelle bestanden aus massivem Gusseisen. Ähnlich wie bei echten Kanonenrohren wurden einzelne Halbschalen gegossen, zu Ringen zusammengesetzt und übereinandergestapelt, wodurch der Ofenkörper entstand. Das schwere Material machte die Öfen besonders robust und langlebig. Es gewährleistete eine vorzügliche Wärmeverteilung und -speicherung. Viele der Öfen blieben jahrzehntelang in Gebrauch und wurden von Generation zur Generation weitergegeben.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreiteten sich Kanonenöfen in vielen Teilen Mitteleuropas. Sie standen in Wohnhäusern, Werkstätten oder kleinen Betrieben und waren in unterschiedlichen Größen erhältlich. Vor allem in kleineren Wohnungen waren sie beliebt, weil sie vergleichsweise schnell Wärme spendeten. Viele Modelle waren dabei nicht nur funktional, sondern auch dekorativ gestaltet. Verzierungen und Ornamente sollten den oft schlichten Wohnräumen ein etwas repräsentativeres Aussehen verleihen. Im Inneren des Ofens befanden sich der Feuerungsraum für Kohle, ein Ascherost und ein Aschekasten. Der Rauch wurde meist über ein seitlich angebrachtes Ofenrohr zum Schornstein geleitet. Diese langen Rohre gaben zusätzlich Wärme ab, setzten sich aber oft mit Ruß zu oder brannten mit der Zeit durch. Das Reinigen der Rohre und das Entfernen der Asche gehörten deshalb beim Gebrauch dazu. Durch ihre vergleichsweise großen Brennräume erzeugten Kanonenöfen viel Wärme, waren allerdings nicht besonders effizient. Häufig sammelte sich die Hitze unter der Zimmerdecke, während andere Bereiche des Raumes kühl blieben. Trotzdem galten die Öfen lange als zuverlässige Wärmequelle und waren aus vielen Haushalten nicht wegzudenken.
Kanonenöfen wurden hauptsächlich mit Kohle beheizt, konnten aber ebenso mit Holz oder Torf betrieben werden. Torf spielte als fossiler Brennstoff im Emsland früher eine große Rolle. Die Moorlandschaften der Region prägten über Jahrhunderte hinweg das Leben, Wohnen und Arbeiten vieler Menschen. Hier wurde in schwerer Handarbeit Torf gewonnen, gestochen, getrocknet und anschließend zum Heizen genutzt. Die mit Torf befeuerten Kanonenöfen gehörten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein zum Alltag der hier lebenden Menschen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg verbreiteten sich auch in Deutschland allmählich Zentralheizungen und damit die Umstellung der Beheizung von Festbrennstoffen auf Öl und Gas. Mit der neuen Technologie verloren die gusseisernen oder gekachelten Öfen ihre Funktion und wurden mehr und mehr aus den Haushalten verdrängt. Eine Zentralheizung galt als Sinnbild für „modernes“ Wohnen, wie es im Zuge des Emslandplans ab den 1950er Jahren angestrebt wurde. Die alten Heizgeräte fanden ihren Weg zum Alteisensammler, auf den Schrottplatz oder in museale Sammlungen.
Eine Renaissance erlebten gusseiserne Öfen seit 2022. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine traten damals Sanktionen der EU-Mitgliedstaaten und weiterer westlicher Industriestaaten gegen Russland in Kraft, woraufhin der Aggressor die Lieferung russischen Erdgases in den Westen massiv reduzierte. Auch die Belieferung von Deutschland wurde heruntergesetzt. Die Verknappung des Angebots löste Lieferengpässe und drastische Preissteigerungen auf dem Energiemarkt aus. Viele Menschen schafften sich als Reaktion darauf wieder Eisengussöfen an, die mit Holz oder Kohlebriketts befeuert werden konnten – oder reaktivierten ihre alten Geräte, die jahrzehntelang ihr Dasein in Kellern, auf Dachböden oder in Gartenlauben gefristet hatten.