Frühneuzeitlicher Lederschuh

Gefunden in der Hinterstraße in Meppen

Museen sind Schatzkammern: sie sammeln und bewahren Gegenstände aus vergangenen Zeiten, erforschen deren Geschichte(n) und bringen sie zum Sprechen. Dabei sind es nicht selten die auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge, die Spannendes zur lokalen Historie zu berichten haben. In der Reihe „Objekt des Monats“ werden im Stadtmagazin DER MEPPENER regelmäßig herausragende Exponate und Sammlungsstücke aus dem Bestand des Stadtmuseums vorgestellt.

(rb) Schuhe erzählen mehr als wir auf den ersten Blick sehen. Sie wirken unscheinbarer als Prunkgefäße oder Münzen – und doch verbinden wir alle ein Paar Schuhe mit einer persönlichen Geschichte. Archäologisch betrachtet sind Schuhe sogar kleine Sensationen. Denn organische Materialien zerfallen in der Erde meist schnell. Umso erstaunlicher ist der Fund, den ein Grabungsteam 1992 in der Hinterstraße in Meppen machte: In der Verfüllung des ehemaligen Festungsgrabens kamen Reste eines frühneuzeitlichen Lederschuhs zum Vorschein. Die Firma Orthopädietechnik Slomka restaurierte den Schuh. Seit 2020 ist er in der Dauerausstellung des Stadtmuseums Meppen zu sehen.

Schuhe sind weit mehr als bloßer Fußschutz – sie können erhöhen, erniedrigen und Geschichten erzählen, die tiefer gehen als der erste Blick vermuten lässt. Häufig dienten Schuhe nicht nur der Bequemlichkeit. Vielmehr wurden sie rasch zum Statussymbol, zum sichtbaren Zeichen von Stand, Würde und gesellschaftlicher Position. Kaum ein Körperteil des Menschen wurde dabei so sehr geformt, gezwungen oder misshandelt wie der Fuß.

„High Heels“ zwingen den Körper in eine unnatürliche Haltung, die zwar als erotisch gilt, aber mitunter dauerhafte Schäden an Füßen und Wirbelsäule hinterlässt – Schmerz wird zugunsten von Anmut in Kauf genommen. Heute verbinden wir solche Zumutungen vor allem mit Frauen, doch auch Männer quälten sich für die Mode: Im Mittelalter erfreute sich beispielsweise der sogenannte „Schnabelschuh“ großer Beliebtheit. Dessen überlange zugespitzte Form wuchs zum Statussymbol – so sehr, dass schließlich Kleiderordnungen seine Länge nach Stand regelten.

Dass Wohlhabende mit ihren bis zu fünfundsiebzig Zentimeter langen Schuhspitzen nur noch sehr langsam laufen konnten, war Teil der Inszenierung. Es war ein Zeichen von Würde und zeigte, dass man reich genug war, auf Arbeit und körperliche Mühen zu verzichten. Geistliche hingegen sahen in den dolchartigen Spitzen ein obszönes Symbol männlicher Sexualität – vergeblich versuchten sie, die Mode einzudämmen.

Schuhe können jedoch nicht nur erhöhen, sie können auch erniedrigen. So waren die niederländischen und französischen Bauern im Mittelalter per Gesetz verpflichtet, Holzschuhe zu tragen. Diese klobigen „Sabots“ zeigten unübersehbar die ländliche Herkunft der Träger an. Immerhin machten die Schuhe sprachgeschichtlich Karriere: Der Begriff „Sabotage“ soll daher stammen, dass Arbeiter zu Beginn der Industrialisierung ihre Holzschuhe in Landmaschinen warfen, durch die sie ihre Lebensgrundlage gefährdet sahen.

Doch nicht nur der Holzschuh wurde zum Sinnbild von Rückständigkeit. Auch der einfache Gummistiefel bekam diese Rolle – spätestens in den 1980er Jahren, als der SV Meppen in den Profifußball aufstieg. Gegnerische Fans dichteten damals den Spottgesang „Zieht den Meppenern die Gummistiefel aus“ – eine ironische Erinnerung an das ländliche Image des Emslands. Es zeigt, wie stark Schuhe auch heute noch mit gesellschaftlichen Zuschreibungen aufgeladen sein können.

Die vermutlich größte Degradierung ist aber die Barfüßigkeit, die oft für Armut, Abhängigkeit oder Demütigung steht. So mussten Sklaven im alten Rom barfuß gehen und auch aus den Emslandlagern ist überliefert, dass Inhaftierte barfuß den Weg zu ihren Arbeitseinsätzen zurücklegen mussten. Ganz anders zeigte sich der bewusste Verzicht auf Schuhe im religiösen Kontext. Einige Klosterorden legten sie als Zeichen der Demut gegenüber Gott ab – wie die Franziskaner, die im 17. Jahrhundert auch im Emsland ein Kloster gründeten.

Im Gegensatz zu der Barfüßigkeit und einschränkenden Moden verwundert es nicht, dass in vielen Kontexten funktionale Schuhe geschätzt wurden. Besonders im militärischen Bereich, in dem Trittsicherheit und Wendigkeit entscheidend waren, gaben praktische Schuhe dem Träger Sicherheit. Aus einem solchen Umfeld stammt auch der Meppener Lederschuh.

Auf den ersten Blick wirkt er schlicht: flache Sohle, rahmengenäht, ohne Verzierungen. Aber er ist stabil und alltagstauglich. Und er hat eine weitere Besonderheit: sein Material. Denn Leder ist ein eigenartiger Begleiter. Wir legen uns die Haut eines Tieres wie eine zweite Haut über die eigene. Treffen beide Formen nicht im richtigen Maß aufeinander, drohen Risse im Material oder Blasen und Druckstellen am Fuß.

Finden sie jedoch die passende Balance, beginnt eine stille Wechselwirkung: Der Fuß prägt sich langsam, Schicht für Schicht, in das Leder ein. So entsteht ein individueller Abdruck, der weit mehr erzählt als nur von Abnutzung. Er verrät etwas über den Alltag, die Art des Gehens, den Körperbau und manchmal sogar über Krankheiten der Trägerin oder des Trägers. Der Schuh wird so zum Chronisten menschlicher Lebensgeschichten.

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