Irgendwann nach Null Uhr

(jw) „Es ist soweit: Null Uhr. Die Raketen erhellen den Himmel, aber dieses Jahr fühlt sich Silvester anders an. Die Ems steht bis Oberkante Unterlippe an den Deichen und viele Menschen verzichten auf ein Feuerwerk, so dass dieses Spektakel in diesem Jahr bereits nach zwanzig Minuten fast gänzlich vorbei ist. Ich stehe mit einem Glas Sekt in der Hand im Garten und wundere mich wie schnell man leben kann. Ein Jahr ist vergangen seitdem ich mir vorgenommen hatte keinen Alkohol mehr zu trinken, und schon stehe ich wieder hier und habe es geschafft. Es ist nicht wirklich schwer auf bestimmte Genüsse oder Gewohnheiten zu verzichten, wenn man sich das wirklich vornimmt. Aber wie schwer muss es sein, sich von einer Sucht zu befreien? Ein Patient findet dafür in seiner letzten Therapieeinheit Worte: „Ich bin süchtig, ein Leben lang. Aber durch die Entgiftung und die Therapie bin ich nicht mehr abhängig vom Alkohol, mein Leben wird davon nicht mehr bestimmt. Ich kann wieder Dinge genießen, die ich vorher gar nicht mehr wahrgenommen habe. Ich hatte völlig vergessen wie unglaublich gut eine Blumenwiese duftet: Als ich das das erste Mal wieder erlebt habe, ist mir fast schwindelig geworden. Ich weiß, dass ich ein Leben lang süchtig sein werde, aber ich bin endlich wieder unabhängig.“

Wenn ich an das Jahr 2023 denke, dann denke ich an den Halbmarathon, aber vor allem an meinen ersten Marathon, der die längste Strecke war, die ich bisher am Stück gelaufen bin. Nach wie vor kann ich kaum glauben, dass ich das wirklich geschafft habe. Ich bin ein Hobbyläufer, stets an der Grenze zum Übergewicht. Ich bin wahrscheinlich langsam und habe in meinem Leben viel zu spät mit regelmäßigem Sport begonnen. Ich liebe es, wenn das Engelchen auf meiner linken Schulter die Oberhand gewinnt, befeuere aber genauso das Teufelchen auf der rechten, wenn es zum Konter ansetzt.

In Deutschland wird oft sehr defizitorientiert gedacht: In der Therapie definieren sich die Ziele über die Probleme eines Patienten. Es kann mitunter fünf oder sechs Therapieeinheiten dauern, bis ein Kind in der Lage ist, eigene Talente zu benennen, da es noch nie danach befragt wurde.

Ich halte ein Glas Sekt in der Hand, proste den anderen zu und proste mir selbst zu. Sport ist ein gutes Bild für das Leben: Setz Dir ein realistisches Ziel, mach Dir einen Plan, dann wirst Du mit der nötigen Disziplin dein Ziel erreichen. Ich bin stolz auf das, was ich in diesem Jahr erreicht habe. Für 2024 warten bereits neue Pläne darauf umgesetzt zu werden.

„Ich denke nicht zu langfristig,“ sagt der Patient, „das macht mir Angst. Ich weiß nicht ob ich es wirklich schaffe ein Leben lang auf Alkohol zu verzichten. Ich weiß nur, dass ich das schaffen will. Ich habe gelernt von Tag zu Tag zu denken. Jeden Morgen gebe ich mir selbst das Versprechen, nüchtern zu bleiben. Es ist viel einfacher 24 Stunden ohne Alkohol zu leben als für immer, denn Für Immer ist ganz schön lang.“

Es ist soweit: Irgendwann nach Null Uhr. Meine Familie schläft und ich halte ein leeres Sektglas in der Hand. Ich fühle mich nicht schlecht, sondern beschwipst. Darin liegt vermutlich die Gefahr. Es ist das letzte Glas, das ich in die Spülmaschine räume, bevor ich in den Keller gehe, um nach dem Rechten zu sehen. In dieser Nacht werden es noch einmal vier Eimer Wasser, die ich in den Garten schütte, und ich weiß wie gut wir es damit haben. Morgen früh werde ich laufen gehen, mal sehen welche Wege noch nicht überflutet sind. Falls 2024 so schnell vergeht wie 2023 kann ich schon mal eine Flasche Sekt kalt stellen. Am besten nehme ich zwei – eine mit und eine ohne Alkohol -… mal sehen wonach mir dann der Sinn steht.“

(Jörn Wandrey)