Hohlmaß aus dem 19. Jahrhundert

Museen sind Schatzkammern: Sie sammeln und bewahren Gegenstände aus vergangenen Zeiten, erforschen deren Geschichte(n) und bringen sie zum Sprechen. Dabei sind es nicht selten die auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge, die Spannendes zur lokalen Historie zu berichten haben. In der Reihe „Objekt des Monats“ werden im Stadtmagazin DER MEPPENER regelmäßig herausragende Exponate und Sammlungsstücke aus dem Bestand des Stadtmuseums vorgestellt.

(bs) Im ländlichen Bereich wurden jahrhundertelang insbesondere zum Messen von Getreidemengen sog. „Hohlmaße“ eingesetzt. Die meist hölzernen Gefäße, auch Scheffel genannt, waren in der Regel „geküfert“, wurden wie kleine Fässer vom Küfer oder Böttcher aus Holz gefertigt. Die einfachere Ausführung war aus Spanholz bzw. dünnen, gebogenen Brettchen hergestellt. Entscheidend war jedoch, dass das Volumen der gewünschten Maßeinheit entsprach. Die Einheiten fußten in alter Zeit auf dem sog. „Duodezimalsystem“, das nicht wie beim Dezimalsystem die Zahl 10 sondern die Zahl 12 als Basis hat. Die auch heute noch zuweilen verwendete Bezeichnung „Dutzend“ ist noch ein Überrest dieses damals verbreiteten Systems. Keine Zahl kleiner als 12 hat eine so gute Teilbarkeit. Das hatte praktische Vorteile bei der Verwendung als Größeneinteilung.

Im Zeitalter der deutschen „Vielstaaterei“ variierten die Einteilungen und Benennungen stark und waren von Region zu Region, zuweilen auch von Ort zu Ort unterschiedlich. Im Münsterland stellte ein Malter die oberste Einheit dar. Auf einen Malter gingen 12 Scheffel und auf einen Scheffel vier Spint. Wollte man mit Nachbarorten oder überregional Handel treiben, war mühsames Umrechnen nötig. Darüber hinaus gab es gesonderte Scheffelgrößen für z. B. Roggen und Hafer.

Mit der Einführung des napoleonischen Code Civil in den von den Franzosen besetzten Gebieten (das Fürstbistum Münster wurde 1803 aufgelöst; das Niederstift Münster fiel an das Herzogtum Arenberg-Meppen, das sieben Jahre später von Frankreich annektiert wurde) wurde ab 1810 das verworrene System aus lokalen Einheiten flächendeckend durch das (heute in Deutschland übliche) metrische System ersetzt. Die tradierten „alten“ Maße verschwanden aber nicht, blieben weiter in Gebrauch und wurden insbesondere nach der Niederlage Napoleons und im Zuge der Restauration nach 1815 wieder zum Messen verwendet.

Wirksame Schritte zur Vereinheitlichung der Maße in den deutschen Ländern wurden erst ab den 1860er Jahren dann von Preußen unternommen. 1868 wurde der „neue“ Preußische Scheffel, der 50 Litern entsprach, eingeführt. 1872 kam im Deutschen Reich das metrische System zur Geltung. Mit Gesetz vom 11. Juli 1884 wurden die bis dahin geduldeten alten Übergangs- und Doppelbezeichnungen wie z. B. „Pfund“ für 500 g oder „Kanne“ für 1 Liter im offiziellen Handel endgültig verboten.

Bis in diese Zeit waren auch im Emsland die alten Hohlmaße noch in Gebrauch. Danach wanderten sie ins Museum – so wie das in diesem Serienteil vorgestellte Exemplar aus der Sammlung des Meppener Heimatvereins, das möglicherweise aus einem landwirtschaftlichen Betrieb in der Region stammt.

Da solche Maße in festgelegten zeitlichen Abständen geeicht werden mussten und dann einen Brandstempel, zuweilen auch eine Prägung mit Wappen oder Jahreszahl, erhielten, erzählen manche Geräte nicht nur vom Messen und Wiegen, sondern dokumentieren auch ein Stück Territorialgeschichte. Wichtige Einrichtungen für die Eichung und Kontrolle der Maße waren damals die öffentlichen städtischen Waagen. In Meppen war die Waage im Rathaus untergebracht, wo der Magistrat „seine Normal-Maße und Gewichte, wornach die übrigen geeicht wurden“ aufbewahrte. Diese sog. „Wroge“ bezog sich auf alle „drögen und nassen waaren“, betraf aber auch das Brotgewicht, Fässer und Kannen, Gewichte und Ellen. Der Chronist Johann Bernhard Diepenbrock führte in seiner „Geschichte des vormaligen Münsterschen Amtes Meppen“ die in den 1830er Jahren hier gebräuchlichen Maße auf. Demnach entsprach damals in Meppen eine Last Korn 12 Malter Meppisch. Auf einen Malter Meppisch kamen 5 Vierlop Meppisch. 4 Vierlop Meppisch ergaben 1 Tonne Meppisch. Weitere geläufige Maße waren Scheffel, Spint und Becher, die sich noch einmal in „Halbe“ und „Viertheil“ unterteilen ließen. Das Eichen und die Kontrolle der Maße für Flüssigkeiten bzw. die Festsetzung der jeweiligen „Taxen“ war so bedeutsam, dass dafür in Meppen der Spezialbegriff „Prove“ geläufig wurde. Neben „Thran“ fielen darunter Bier, Wein, Branntwein und „fremde Getränke“.

Auch wenn sich nicht mehr eindeutig rekonstruieren lässt, welches Getreide an welchem Ort nach welcher „alten“ Maßeinheit mit dem hier vorgestellten schlichten, aus genietetem Blech gefertigten Hohlmaß gemessen wurde, ist es ein spannendes Zeugnis damaligen hiesigen Wirtschafts- und Gewerbelebens und des regionalen Handels in alter – vormetrischer – Zeit.

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