Museen sind Schatzkammern: Sie sammeln und bewahren Gegenstände aus vergangenen Zeiten, erforschen deren Geschichte(n) und bringen sie zum Sprechen. Dabei sind es nicht selten die auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge, die Spannendes zur lokalen Historie zu berichten haben. In der Reihe „Objekt des Monats“ werden im Stadtmagazin DER MEPPENER regelmäßig herausragende Exponate und Sammlungsstücke aus dem Bestand des Stadtmuseums vorgestellt.
(kr) Stellen Sie sich vor, es ist 1911 und Ihre bessere Hälfte schickt Ihnen von einer Geschäftsreise eine romantische Postkarte – mit diesem Aufdruck. Im militaristischen Deutschen Kaiserreich war das vermutlich keine Seltenheit. Im Emsland identifizierte man sich zu diesem Zeitpunkt jedenfalls längst mit dem Schießplatz der Firma Krupp nördlich von Meppen, seit dort 1877 der erste Kanonenschuss fiel. Kein Wunder: Verband er doch das bislang etwas abseits gelegene Moorland sichtbar mit der Welt und einer globalisierten Moderne. Krupp war zudem Wirtschaftsfaktor, wichtiger Arbeitgeber und stand für technische Innovation und internationale Prominenz. Die hier getesteten Geschütze wurden in alle Welt verschifft; zugleich kam die Welt nach Meppen, brachte Tratsch und Geld und sorgte für neue Infrastruktur.
Als Krupp-Angestellte/r konnte man sich also sehen lassen; darüber hinaus war man aber auch Teil eines Firmenkults mit besonderem Zusammengehörigkeitsgefühl. „Von der Wiege bis zur Bahre“ waren die „Kruppianer“ in die Sozialstrukturen der Firma eingebunden. Alfred Krupp war eine Art deutscher Henry Ford, der seine Arbeiter aber nicht zum Kauf eigener Produkte („Kanonen für den privaten Gebrauch“) ermunterte, sondern mit paternalistischer Fürsorge sozialdemokratische Selbstorganisation eindämmen wollte. Zur Firmenidentifikation gehörte der schnieke blaue Anzug mit Kappe, der auf der Postkarte zu sehen ist. Die Dienstkleidung erinnerte an Beamtenuniformen und zeigte, welches Image der Konzern pflegte.
Auch die Schießplatzvorführungen waren bewusst inszeniert. Das sog. „Völkerschießen“ im Jahr 1879 war ein regelrechtes Happening: 97 Offiziere aus 18 Staaten reisten an. Die Veranstaltung machte auf die internationalen Gäste mächtig Eindruck und unterstrich Krupps internationale Reputation. Tatsächliche Innovation gehörte dabei genauso dazu wie Inszenierung. Mal überraschte man sich mit der Reichweite der Geschütze selbst und schoss versehentlich über das Gelände hinaus, mal soll man vor staunendem Publikum sogar eine Attrappe des Friesoyther Kirchturms zerschossen haben. Krupp präsentierte sich darüber hinaus auf Weltausstellungen und in Werbeprospekten. Auch die Postkarte ist Zeichen bewusster Imagepflege, samt Druckvermerk der Essener Gussstahlfabrik.
Neben Folklore zählten auf dem Schießplatz vor allem Wissenschaft und Technik. Neue Werkstoffe, wissenschaftliche Messverfahren und industrielle Fertigung sorgten Ende des 19. Jahrhunderts für einen enormen Entwicklungsschub. Mit den kurzen Wegen zwischen Forschungshub und industrieller Produktion wuchsen die Reichweiten der Geschütze enorm, der Schießplatz musste verlängert und die Belegschaft vergrößert werden. Das abgebildete 21-cm-Geschütz trägt eine sogenannte Verschwindlafette: Der Rückstoß ließ das Rohr nach dem Schuss hinter einer Deckung absinken und hob dabei ein Gegengewicht. Nach dem Laden half dessen gespeicherte Energie, die Kanone wieder in Feuerstellung zu bringen. Die sechs Besatzungsmitglieder waren dabei nötig, um die schweren Geschosse und Treibladungen heranzuschaffen, die Munition mit einem Ladestock ins Rohr zu schieben, den Verschluss zu bedienen und das Geschütz auszurichten. Dass der Schutz der Besatzungen immer wichtiger wurde, davon zeugen auch zahllose zerschossene Panzerplatten aus der Zeit. Sie zeichnen bereits einige der Entwicklungen der Kriegführung des 20. Jahrhunderts voraus.
Von Krupps Versuchsplatz zur heutigen „Wehrtechnischen Dienststelle 91“ führte dennoch ein weiter Weg – über Schützengräben, getarnte Panzerwagen, Wiederaufrüstung, Abrüstung und die Gründung einer Verteidigungsarmee. Die kommende Sonderausstellung des Stadtmuseums zeichnet im Jubiläumsjahr 2027 diese Entwicklungen, in denen der Schießplatz immer wieder Spiegel seiner Zeit wurde, nach, einschließlich ihrer gesellschaftlichen und globalen Folgen und auch Gegenbewegungen. Die Postkarte ist übrigens ein Nachdruck der Vorlage von 1911 und erschien 1984 zur 1150-Jahr-Feier Meppens. Bis heute ist der Schießplatz eng mit der lokalen Identität verflochten.
Für die Ausstellung zum 150-jährigen Bestehen bittet das Museum um Mithilfe: Gesucht werden Dokumente, Werbemittel, Erinnerungsstücke und persönliche Geschichten zum Schießplatz und zur WTD 91. Besonders interessieren uns momentan Hinweise auf einen ukrainischen Mann, der nach dem Krieg in einem Bunker bei Wahn gelebt haben soll. Wer etwas weiß oder beitragen möchte, melde sich bitte per
E-Mail im Stadtmuseum unter info@stadtmuseum-meppen.de.