Tabakbeutel von Adolph Kolping (1813–1865)?

Museen sind Schatzkammern: Sie sammeln und bewahren Gegenstände aus vergangenen Zeiten, erforschen deren Geschichte(n) und bringen sie zum Sprechen. Dabei sind es nicht selten die auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge, die Spannendes zur lokalen Historie zu berichten haben. In der Reihe „Objekt des Monats“ werden im Stadtmagazin DER MEPPENER regelmäßig herausragende Exponate und Sammlungsstücke aus dem Bestand des Stadtmuseums vorgestellt.

(kr) Ist es nicht ein erhebender Gedanke für mich in meinem Lehnstuhl und stillen Abendstübchen, zu denken, daß der Rauch, welcher in bläulichen Ringen vor mir aufwirbelt, mich mit einer ganzen Kette von ungesehenen Rauchern in Nord und Süd, in Ost und West verbindet? Denn kein geselliges Bindemittel ist dem Rauchen zu vergleichen, und keine geselligere Brüderschaft giebt es als die Raucher.“ Dieses Zitat stammt nicht von Adolph Kolping, sondern aus dem Artikel „Die Poesie des Rauchens. Eine Petition an die Frauen“ von Julius Rodenberg (Die Gartenlaube 1864, Heft 33). Man könnte sich dennoch vorstellen, dass der katholische Sozialreformer, der in seinem Wirken Gesellenvereine in Nord und Süd, in Ost und West miteinander verband und nach zeitgenössischer Überlieferung guten Tabak geschätzt hat, zu Lebzeiten etwas Ähnliches von sich gegeben hat.

Das Rauchen war im 19. Jahrhundert noch nicht entzaubert. Zwar nahm die Bedeutung der Industrie immer weiter zu, aber noch hatten keine industriellen Großkonzerne Maximalprofite aus dem feuchtfröhlichen Marketing mit der Suchtware geschlagen und noch waren keine medizinischen Langzeitstudien zu den gesundheitlichen Auswirkungen des Lasters erfolgt. Infektionskrankheiten wie Tuberkulose und Cholera bestimmten damals das Sterbegeschehen weit wesentlicher. Das öffentliche „Zigarrenrauchen“ konnte so zum Symbol bürgerlicher Selbstbehauptung und politischer Freiheit werden und war zunehmend als männliche Praxis codiert. Während die Dampflok weit voneinander entfernte Kultur- und Handelsräume miteinander verband, die vom Land vertriebene Bevölkerung in den rauchenden Fabriken der Städte arbeitete, rauchte der gute Bürger im gepflogenen Raucherzimmer seines Domizils oder lud die männlichen Gäste nach dem geschlechtergemischten Abendessen in die Raucherecke im Arbeitszimmer.

Die Zigarre, die mit Tabak aus europäischen und überseeischen Anbaugebieten, deren globale Handelsketten teilweise auf kolonialer Herrschaft und versklavter Arbeit beruhten, in Handarbeit bald auch in Europa hergestellt wurde, war vor allem Zeichen sozialer Distinktion. Ihr langer Handelsweg und ihre umständliche Herstellung trieben ihren Preis in die Höhe und sorgte dafür, dass sie vornehmlich der bürgerlichen Klasse vorbehalten blieb. Während in den beiden vorherigen Jahrhunderten dem Tabakschnupfen oder Pfeifenrauchen noch beide Geschlechter über Klassengrenzen hinaus frönten, wurden im 19. Jahrhundert rauchende bürgerliche Frauen schnell als „Emanzipationspfeifen“ diffamiert. Die phallische Zigarre war Symbol von Männlichkeit und die sich weiter ausdifferenzierende Gesellschaftshierarchie duldete es nicht, wenn mit Rollenbildern gebrochen wurde.

Kolping konnte, wie an Spitze und Tabakbeutel ersichtlich beides, bürgerlich Zigarre rauchen und altbacken Pfeife – über soziale Grenzen hinweg. Der Priester, der einst als Schuhmacherlehrling durch das Rheintal gezogen war, gründete für die durch die Umwälzungen der Industrialisierung in soziale Abgründe getriebenen Handwerker ein Netzwerk an Gesellenvereinen, die ihnen neben religiösem Halt auch Bildung, Geselligkeit und soziale Unterstützung boten. Und vielleicht genoss er seinen Tabak sogar gemeinsam mit einer Frau: Zwar verliert sich die Provenienz von Tabakbeutel und Spitze schon beim letzten Besitzer, der „Kolpingsfamilie Meppen“, naheliegend wäre jedoch, dass sie ihren Weg nach Meppen über die alteingesessene Familie Schöningh fanden. Kolping war mit Ferdinand Schöninghs Schwester Antonie Mittweg, geb. Schöningh, aufs Engste verbunden. Sie war ihm „sorgende, tröstende und ermutigende Schwester“. Und so lässt sich mutmaßen, dass Tabakbeutel und Spitze ein sehr persönliches Geschenk an sie zum Gedenken an gemeinsam verbrachte Stunden waren.

Und so würden die hübschen Gebrauchsgegenstände vor allem für den progressiv, reformistischen Ansatz Kolpings stehen. Den sozialen Verwerfungen des Kapitalismus und den Veränderungen der bürgerlichen Gesellschaft stellte er Gemeinschaft, Bildung, Freundschaft und christliche Selbsthilfe entgegen – kein politisches Programm und auch keine Wirtschaftsreform. Die verelendeten Handwerker sollten in den rasend wachsenden Städten durch gemeinsame Werte zu einer geselligen Bruderschaft werden. Anderen reichte soziale Reform nicht aus und so manifestierte sich der gesamtgesellschaftliche Veränderungsdrang dieser Zeit in der Märzrevolution 1848. Sie bereitete den Weg zum bürgerlichen Parlamentarismus in Deutschland – und, wie man leicht vergisst, zur Legalisierung des Rauchens im öffentlichen Raum. Kolpings Rauchutensilien fanden im Jahr 2014 als Leihgaben der Kolpingsfamilie ihren Weg in das Stadtmuseum Meppen, um an das lokale Wirken des Reformers in Gestalt des 1864 in Meppen gegründeten „Katholischen Gesellenvereins“ zu erinnern. Sie sind in der Dauerausstellung des Museums ausgestellt.

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