(eb) 60 ist heute kein Alter mehr. Auch die Meppener reisen um die Welt, gründen noch Unternehmen, gehen ins Fitnessstudio, stehen mitten im Berufsleben oder genießen den hart erarbeiteten Ruhestand. Wer heute 60 oder 70 ist, fühlt sich oft zehn bis 15 Jahre jünger. Und trotzdem gibt es ein Thema, über das lieber geschwiegen wird. Auch im Emsland: Inkontinenz.
„Das passt überhaupt nicht zu dem Selbstbild, das viele Menschen heute von sich haben“, sagt Silvia Deymann, Expertin für Beckenbodentraining und Inkontinenz im Emsland. „Sie fühlen sich aktiv, leistungsfähig und voller Leben. Im Kopf fühlt man sich oft wie Mitte 40 – umso schwerer fällt es, sich einzugestehen, dass sich der eigene Körper verändert.“
Dabei ist genau das völlig normal. Mit den Jahren verändert sich die Muskulatur. Der Beckenboden wird schwächer, genauso wie die Sehkraft nachlässt oder die Haare grau werden. Niemand käme auf die Idee, sich für eine Lesebrille zu schämen. Bei Inkontinenz dagegen schweigen viele – obwohl Millionen Menschen betroffen sind.
Für Silvia Deymann ist das kaum nachvollziehbar. „Wer 60 oder 70 Lebensjahre hinter sich hat, hat Krisen gemeistert, Kinder großgezogen, berufliche Herausforderungen bewältigt und Rückschläge überstanden. Warum sollte man ausgerechnet bei einem gesundheitlichen Problem plötzlich kapitulieren oder sich verstecken?“ Für sie ist Scham die falsche Reaktion. Das Leben stellt uns ständig vor neue Aufgaben. Manche sind finanzieller Natur. Andere betreffen die Familie, den Beruf oder die Gesundheit. Erwachsene Menschen lösen Probleme. Genau das zeichnet sie aus.
„Problem erkennen. Problem akzeptieren. Problem lösen. Eigentlich haben wir genau das unser ganzes Leben lang gemacht“, sagt Silvia Deymann. „Warum sollte das ausgerechnet bei Inkontinenz anders sein?“ Sie erlebt immer wieder, wie erleichtert Menschen nach dem ersten Beratungsgespräch sind. Weil sie zum ersten Mal erfahren, dass es wirksame Behandlungsmöglichkeiten gibt. Aber auch, weil sie zum ersten Mal offen über etwas sprechen, das sie oft jahrelang mit sich allein ausgemacht haben.
„Selbstbewusstsein zeigt sich nicht darin, dass man so tut, als wäre alles in Ordnung“, sagt Silvia Deymann. „Selbstbewusstsein bedeutet, sich einem Thema zu stellen und eine Lösung zu finden.“ Ihr Wunsch ist deshalb einfach: Dass Inkontinenz endlich als das gesehen wird, was sie ist – eine gesundheitliche Herausforderung. Nicht mehr - aber eben auch nicht weniger.