Museen sind Schatzkammern: Sie sammeln und bewahren Gegenstände aus vergangenen Zeiten, erforschen deren Geschichte(n) und bringen sie zum Sprechen. Dabei sind es nicht selten die auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge, die Spannendes zur lokalen Historie zu berichten haben. In der Reihe „Objekt des Monats“ werden im Stadtmagazin DER MEPPENER regelmäßig herausragende Exponate und Sammlungsstücke aus dem Bestand des Stadtmuseums vorgestellt.
(jt) Wer heute eine Nachricht verschickt, greift meist ganz selbstverständlich zum Smartphone. Ein Fingertipp und in Sekunden ist die Information am anderen Ende der Welt. Doch wie funktionierte Fernkommunikation, bevor es Internet, E-Mail oder Messenger gab? Ein Blick auf den noch bis zum 17. Mai im Rahmen der Sonderausstellung „Propaganda und Aufklärung. Die Arbeit der Emsland GmbH im Spiegel ihrer Öffentlichkeitsarbeit 1951 bis 1989“ im Stadtmuseum ausgestellten Lorenz-Fernschreiber „Lo 15“ aus den 1940er Jahren zeigt, wie vor über 80 Jahren Schriftnachrichten in die Welt gesendet werden konnten.
Möglich machte das der sogenannte „Fernschreiber“, der in den 1930er Jahren in Deutschland eingeführt wurde. Bereits 1933 startete ein erster Probebetrieb auf der Strecke zwischen Berlin und Hamburg. Schon ein Jahr später wurde das Netz über die Landesgrenzen hinaus erweitert und es konnten Verbindungen mit den Niederlanden und der Schweiz hergestellt werden. In den darauffolgenden Jahrzehnten entwickelte sich der Fernschreiber zu einem festen Bestandteil der damals modernen Kommunikation. Seine Blütezeit erlebte das sogenannte „Telex-Netz“ in den 1980er Jahren. Allein in Westdeutschland existierten damals mehr als 155.000 Anschlüsse, über die täglich über eine Million Nachrichten versendet wurden. Weltweit waren sogar mehr als 1,4 Millionen Geräte im Einsatz.
Die für Übermittlung und Empfang nötige „Fernschreibmaschine“ verfügte über eine Schreibmaschinentastatur und einen „wandernden“ Typenkorb, der sich beim Schreibvorgang an der stillstehenden Papierwalze vorbei bewegte. Sowohl der ausgesandte als auch der empfangene Text konnte so laufend mitgelesen und kontrolliert werden. Mit Hilfe eines Fernschaltgeräts konnte die Fernschreibmaschine an das öffentliche Fernschreibnetz angeschlossen werden. Der Apparat konnte eine Schreibgeschwindigkeit von bis zu 400 Zeichen pro Minute erreichen. Um diese voll auszunutzen, mussten die Nachrichten vorher auf Lochstreifen gelocht werden und dann mit Hilfe eines zugehörigen Lochstreifensenders gesendet werden. Es war möglich, den Lochstreifen mit der Nachricht mit einem eingebauten Locher selbst herzustellen und die Nachricht dann zum Beispiel später zu versenden. Auch empfangene Nachrichten konnten auf Lochstreifen „gespeichert“ werden, um sie z. B. an andere Teilnehmende weiterzuvermitteln.
Das Grundprinzip des Fernschreibers war – wie bei der elektrischen Telegrafie – die Übersetzung eines mechanischen Zeichens oder Buchstabens in elektrische Impulse, die über eine Leitung übermittelt und am Ort des Empfangs „rückübersetzt“ werden konnten. Der Fernschreiber vereinte Sender und Empfänger, die mechanisch miteinander verbunden und von einem gemeinsamen Motor angetrieben wurden. Während im Sender das Tastatur- und Kontaktsystem die Eingaben in elektrische Signale umsetzte, übernahm der Empfänger die Auswahl und den Druck der Zeichen.
Entwickelt wurde der „Lo 15“ von der Berliner Firma C. Lorenz AG, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den bedeutenden Herstellern von Nachrichtentechnik in Deutschland zählte. Der Lo 15 mag auf den ersten Blick altertümlich und wie eine eigenartige Mischung aus Möbelstück und technischem Apparat wirken. Doch der Fernschreiber galt in den 1930er und 1940er Jahren als Meilenstein der Kommunikation. Er ermöglichte es, Texte nahezu in Echtzeit über große Entfernungen zu übermitteln. Die über die Tastatur eingegebenen und in elektrische Signale umgewandelten Zeichen konnten über das Telefonnetz rasch und rund um die Uhr versendet werden. Am Zielort wandelte das Empfangsgerät die Signale wieder in Schrift um und druckte sie direkt auf Papier aus. Der Standard für die Codierung war der sogenannte „Baudot-Code“, der jedem Buchstaben eine spezifische Signalfolge zuordnete.
Gerade für Behörden, Unternehmen und Nachrichtenagenturen bedeutete diese Technik einen enormen Fortschritt. Informationen konnten schneller, direkter und zuverlässiger ausgetauscht werden als mit der klassischen Briefpost. Der Fernschreiber war damit ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer zunehmend vernetzten Welt. Mit dem Aufkommen neuer Kommunikationsmittel wie Telefax und später der E-Mail verlor die Technologie jedoch zunehmend an Bedeutung. Die Zahl der Anschlüsse ging stetig zurück, bis das „Telex“-Netz in Deutschland schließlich im Jahr 2007 aus wirtschaftlichen Gründen abgeschaltet wurde. Heute sind Fernschreiber ein Relikt der Vergangenheit, das sich ferner anfühlt, als es tatsächlich ist.