Matrizendrucker aus den 1960er Jahren

Museen sind Schatzkammern: Sie sammeln und bewahren Gegenstände aus vergangenen Zeiten, erforschen deren Geschichte(n) und bringen sie zum Sprechen. Dabei sind es nicht selten die auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge, die Spannendes zur lokalen Historie zu berichten haben. In der Reihe „Objekt des Monats“ werden im Stadtmagazin DER MEPPENER regelmäßig herausragende Exponate und Sammlungsstücke aus dem Bestand des Stadtmuseums vorgestellt.

(jt/bs) Wer in den 1970er- und 1980er-Jahren die Schulbank gedrückt hat, kennt es noch: das meist gelbliche, blau bedruckte Arbeitsblatt aus dem Unterricht, das so eigentümlich nach Spiritus roch und stets dazu verführte, dem geheimnisvollen Geruch mit der Nase am Papier auf die Spur zu kommen, bevor man sich – notgedrungen – unter dem strengen Blick der Lehrenden dann aber der Lösung der Aufgaben zuzuwenden hatte. „Abgezogen“ hatte die Kopie meist die Lehrkraft selbst in einem speziellen Raum, aber nicht auf einem Fotokopierer, wie er später und bis heute in Verwaltungen und Schulen anzutreffen war und ist, sondern mit Hilfe eines Matrizendruckers.

Bis in die 1980er Jahre hinein waren Matrizendrucker für die rasche Anfertigung von Abzügen per Kurbel in Behörden und Schulen im Einsatz. Das Prinzip beruht auf einer Papier-Druckvorlage, der Matrize, auf der Schrift oder Bild spiegelverkehrt mit Wachsfarbe aufgebracht wurde. Diese wurde auf eine Trommel gespannt und per Kurbel über ein mit Spiritus getränktes Papierblatt gezogen. Die Flüssigkeit löste winzige Farbpartikel aus der Matrize und übertrug diese auf das Kopierpapier. Auf diese Weise ließen sich mit einer Matrize ca. 250 Kopien erstellen.

Viele Menschen verbinden den Matrizendrucker mit eigenen Erinnerungen an die Schulzeit, nicht zuletzt wegen des charakteristischen Geruchs der Abzüge und des Geräuschs beim Kurbeln. „Der Geruch des Matrizendruckers verhieß selten etwas Gutes. Meist bedeutete er, dass gleich eine Klassenarbeit verteilt wurde“, berichtet etwa ein älterer Mitarbeiter des Museums aus seiner Schulzeit. Dieses Sinneserlebnis zeigt, wie stark technische Geräte mit persönlichen Erinnerungen verknüpft sein können.

Der Matrizendrucker verweist auf eine Zeit, in der die Verbreitung von Informationen bewusster und langsamer erfolgte. Gedruckt wurde nur, was tatsächlich gebraucht wurde, und der Prozess erforderte mehr Planung als heute. Gerade in Bildungs-, Vereins- und Verwaltungszusammenhängen spielte diese Technik eine wichtige Rolle bei der Weitergabe von Wissen, Anweisungen und organisatorischen Informationen und gilt damit als historisches Bindeglied zwischen handschriftlicher Vervielfältigung und moderner digitaler Produktion.

Dieser historische Kontext wird auch in der aktuellen Sonderausstellung „Propaganda und Aufklärung. Die Arbeit der Emsland GmbH im Spiegel ihrer Öffentlichkeitsarbeit (1951–1989)“ im Stadtmuseum Meppen dargestellt. Es war ein erklärtes Anliegen der GmbH-Geschäftsführung, die emsländische Bevölkerung, vor allem aber diejenigen, die unmittelbar von den Erschließungsmaßnahmen betroffen waren oder betroffen sein würden, umfassend über die Kultivierungs- und Modernisierungsvorhaben zu informieren, Ängste abzubauen und Überzeugungsarbeit zu leisten. Zu diesem Zweck wurden zwischen 1951 und 1989 nicht nur Ausstellungen veranstaltet, Vorträge gehalten, Artikel für Zeitungen verfasst, Filme produziert und groß angelegte Image- und Werbekampagnen durchgeführt, sondern auch Broschüren, Falt- und Werbeblätter produziert. Für die „schnelle Kopie“ waren einfache Vervielfältigungsmittel wie der Matrizendrucker ein wichtiges Werkzeug der Kommunikation.

Der Drucker steht stellvertretend für eine Arbeitswelt, in der Kommunikationstechnik robust, dauerhaft nutzbar und leicht zu handhaben sein musste. Anders als moderne Drucker oder Kopierer kam er ohne elektrische Energie aus. Seine Funktion basierte allein auf mechanischer Bewegung, was an eine Zeit erinnert, als Informationsvervielfältigung noch unabhängig von Stromnetzen möglich war. Der Matrizendrucker erzählt ein Stück Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts und macht zugleich deutlich, wie sehr sich unsere Arbeits- und Kommunikationsweisen in den letzten Jahrzehnten verändert haben. Darüber hinaus stellen sich bei vielen Menschen nostalgische Erinnerungen an die eigene Schulzeit und den „berauschenden“ Unterricht mit den spritgetränkten Matrizenabzügen ein – und vielleicht auch der wehmütige Blick auf eine Welt, in der „copy“ und „paste“ noch die Handhabung von Kopiergerät, Schere und Klebstofftube voraussetzten.

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