Eissäge aus dem Meppener Getränkehandel Heidfeld

Museen sind Schatzkammern: Sie sammeln und bewahren Gegenstände aus vergangenen Zeiten, erforschen deren Geschichte(n) und bringen sie zum Sprechen. Dabei sind es nicht selten die auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge, die Spannendes zur lokalen Historie zu berichten haben. In der Reihe „Objekt des Monats“ werden im Stadtmagazin DER MEPPENER regelmäßig herausragende Exponate und Sammlungsstücke aus dem Bestand des Stadtmuseums vorgestellt.

(jt) Die Kühlung von Lebensmitteln und Getränken, von verderblicher oder empfindlicher Ware, Medikamenten, Infrastruktur oder Räumen gelingt heute problemlos mit Kühlaggregaten, Klimaanlagen, Eis- und Kühlschränken, die eines gemeinsam haben: sie benötigen elektrische Energie, um zu funktionieren. Wenn der Strom ausfällt, fällt die Temperatur und es taut. Mit der Unterbrechung der Kühlkette geht meistens Verderbnis einher. Erst in diesen Momenten wird uns wieder klar, wie sehr wir uns an elektrische Kühlgeräte gewöhnt und davon abhängig gemacht haben, wie selbstverständlich solche praktischen Alltagshilfsmittel für uns geworden sind – und wie sehr sie fehlen, wenn sie ausfallen. Und die Frage drängt sich auf, wie es den Menschen in vorelektrischen Zeiten gelang, ihre Güter und Erzeugnisse kühl zu halten.

Jahrhundertelang war man dafür in Mitteleuropa auf eine Jahreszeit angewiesen: den Winter, der – damals verlässlicher als heute – Kälte in Form von Schnee und Eis lieferte. Wenn im Winter Seen und Flüsse zufroren, begann damit eine besondere Form saisonaler Arbeit: die Eisernte. Sobald das Eis eine ausreichende Stärke erreicht hatte, wurde es aus den Schollen herausgesägt, zugeschnitten und anschließend schmelzsicher in Höhlen, Grotten oder Kellern eingelagert. Für Kühlzwecke konnten die Eisstücke dann entnommen und entsprechend verwendet werden.

Die in diesem Serienteil vorgestellte Eissäge war das übliche Arbeitswerkzeug, das früher bei der Gewinnung und Verarbeitung von Natureis zum Einsatz kam. Sie diente dazu, das im Winter gewonnene Eis zu lösen und in transportfähige Stücke zu schneiden. Mit einer Länge von fast zwei Metern ist sie deutlich größer als handelsübliche Sägen und zeigt, welch großer körperliche Einsatz für diese Arbeit nötig war. Der Griff aus Holz ermöglichte eine sichere Führung des Werkzeugs. Die Zähne der Säge waren so angeordnet, dass bei der Verwendung das hervorströmende Wasser nicht gegen die arbeitende Person spritzte, sondern hin zur Eisfläche geleitet wurde. Die Eisernte erfolgte in fest gelegten Arbeitsschritten: Zunächst wurde die Eisfläche vorbereitet und geglättet, anschließend in regelmäßige Felder eingeteilt und eingeschnitten. Die Eisblöcke wurden von der Eisdecke gelöst, an Land gezogen und dort dann in handliche Stücke geteilt. Solange Eis nur in begrenztem Umfang benötigt wurde, stand es als natürliche Ressource für jedermann und -frau weitgehend frei zur Verfügung. Mit der zunehmenden gewerblichen Nutzung änderte sich dies jedoch. Eis gewann an wirtschaftlicher Bedeutung. Nutzungsrechte wurden vergeben oder verpachtet, und Betriebe ohne direkten Zugang zu Gewässern begannen, eigene Eisteiche anzulegen, um ihren Bedarf dauerhaft zu sichern. Der hohe Eisbedarf verdeutlicht, welch zentrale Rolle die Eisgewinnung für die Lebensmittelproduktion spielte, bevor moderne elektrische Kühltechnik für Betriebe und Privatpersonen verfügbar wurde. Das gewonnene Natureis war ein wichtiges Handelsgut: Es wurde in speziellen kälteisolierten Kühlräumen oder Eishäusern aufbewahrt, gelagert und von hier aus an Haushalte und Betriebe wie Brauhäuser, Molkereien, Schlachthäuser oder an den Lebensmittelhandel abgegeben. Auch für die Industrie und das Brauwesen spielte die Natureiswirtschaft eine wichtige Rolle. Bei Produktionsschritten, die niedrige Temperaturen erforderten, sorgte das Eis im Herstellungsprozess für die gewünschte Kühlung.

Die Eissäge ist eng mit der Geschichte des Meppener Getränkehandels Heidfeld verbunden, aus dem sie stammt. Die Geschichte des Unternehmens begann 1924, als Gottfried Heidfeld einen bereits seit 1864 bestehenden Bierverlag übernahm. In den ersten Jahren wurden die Getränke noch mit Pferdewagen ausgeliefert, ehe auf moderne Transporttechnik umgestellt wurde und der Betrieb damit in der Region zu den ersten gehörte, der Lastkraftwagen einsetzte. Die Nutzung von Natureis spielte zu dieser Zeit noch eine wichtige Rolle. Die Firma gewann es im Winter aus den Gewässern der Umgebung, vor allem aus dem Wasserlauf der Hase. Für die Lagerung unterhielt Heidfeld einen Eiskeller, der, damit das Eis nicht schmolz, mit Torf kälteisoliert wurde. Bis in die 1970er Jahre füllte das Unternehmen die Getränke noch selbst ab. 1999 wurde ein Standortwechsel notwendig. Es entstand eine neue Halle mit moderner Kühltechnik, die im Gewerbegebiet Nödike bezogen wurde.

Die Eissäge ist mehr als nur ein altes, angelaufenes Werkzeug. Sie erzählt von einer Arbeitswelt, in der körperliche Anstrengung, handwerkliches Wissen und der Umgang mit natürlichen Ressourcen eng miteinander verbunden waren. Als Teil der Sammlung des Stadtmuseums Meppen erinnert sie einerseits an die heute weitgehend in Vergessenheit geratene Arbeit der „Eisernte“, andererseits kann sie als Anregung verstanden werden, der nächsten Stromunterbrechung oder dem von vielen prophezeiten „Blackout“ und dem damit verbundenen Ausfall elektrischer Kühlgeräte charmant zu begegnen.

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