Museen sind Schatzkammern: sie sammeln und bewahren Gegenstände aus vergangenen Zeiten, erforschen deren Geschichte(n) und bringen sie zum Sprechen. Dabei sind es nicht selten die auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge, die Spannendes zur lokalen Historie zu berichten haben. In der Reihe „Objekt des Monats“ werden im Stadtmagazin DER MEPPENER regelmäßig herausragende Exponate und Sammlungsstücke aus dem Bestand des Stadtmuseums vorgestellt.
(jt) Im Klassenraum von heute tippen Schülerinnen und Schüler im Mathematikunterricht auf Tablets oder Taschenrechnern, vollautomatisch und digital. Bis vor wenigen Jahrzehnten wurde jedoch regelmäßig ein sogenannter „Abakus“ in den Schulklassen Deutschlands verwendet. Einer dieser Abakusse fand über den Heimatverein seinen Weg in die Sammlung des Stadtmuseums Meppen. Hinter dem zunächst schlicht wirkenden Lernmittel verbirgt sich eine lange Geschichte des Rechnens und menschlichen Einfallsreichtums. In diesem Teil der Serie „Objekt des Monats“ soll ein Blick auf das „Werkzeug“ geworfen werden, das Generationen von Menschen die Welt der Zahlen näherbrachte.
Der Anblick eines Abakus ist den meisten Menschen durchaus vertraut, obwohl das Gerät heute kaum noch verwendet wird. Das Rechenhilfsmittel besteht aus einem Rahmen mit Stäben oder Rillen, auf denen verschiebbare Kugeln oder Scheiben angebracht sind. Seit der Antike und bis in die Neuzeit wurde es genutzt, um Grundrechenarten wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division schnell und übersichtlich auszuführen. Bei dem hier vorgestellten Exemplar handelt es sich um den Nachbau eines Schulabakus, der 2015 in der Seniorenwerkstatt Meppen gefertigt wurde. Er besitzt zehn waagerechte Reihen mit jeweils zehn Kugeln, fünf dunkelbraune und fünf beigefarbene.
Der Begriff „Abakus“ leitet sich aus dem griechischen Wort ἄβαξ abax (Genitiv ἄβακος ábakos) und der lateinischen Bezeichnung „abacus“ ab, was mit „Brett“ oder „Tafel“ übersetzt werden kann. Der Begriff ἄβαξ bezieht sich auf das phönizische Wort „abak“, also „verstreuter Staub mit dem geschrieben werden kann“. Der Abakus war also, wie die Wortherkunft zeigt, ein in verschiedenen Kulturen existierendes Konzept und ist das älteste Rechenhilfsmittel, das wir kennen. Bereits zwischen 2.700 und 2.300 v. Chr. nutzten die Menschen im antiken Sumer eine frühe Form des Abakus. Statt mit einfachen Rechensteinen zu arbeiten, entwickelten sie eine Rechentafel mit klar gegliederten Spalten. Jede Spalte stand für eine Größenordnung ihres sogenannten „sexagesimalen“ Zahlensystems, also eines Systems mit der Basis 60. Durch das Verschieben kleiner Kugeln oder Stäbchen konnten so auf dieser Tafelkomplexe Berechnungen durchgeführt werden. Neben der sumerischen Form entstanden auch babylonische, chinesische, salaminische, japanische, russische und sogar aztekische Varianten. Jede Region passte das Prinzip der Rechentafel an ihre eigenen Zahlensysteme und Bedürfnisse an. Diese Vielfalt zeigt, wie weit verbreitet und bedeutsam das Konzept des Abakus weltweit war. Der sumerische Abakus gilt als einer der frühesten bekannten Vorläufer der Rechenhilfen, die noch Jahrtausende später schließlich auch in Meppener Klassenzimmern genutzt wurden. Durch die Weiterentwicklung des schriftlichen Rechnens mit dem indisch-arabischen Zahlensystem von Adam Ries (1492–1559) rückte die Verwendung des Abakus als Rechenhilfe im gewerblichen Kontext im 16. Jahrhundert zunehmend in den Hintergrund. Später wurde er in vielen Teilen Europas durch die mechanische Rechenmaschine abgelöst.
Ursprünglich war der Abakus vor allem ein Werkzeug des Alltags. Menschen, die Handel trieben, nutzten ihn, um Preise zu kalkulieren oder Warenmengen zu erfassen. Als das schriftliche Rechnen sich immer mehr verbreitete, verschwand er langsam aus dem Geschäftsleben. Obwohl seine Bedeutung im Handel abnahm, blieb der Abakus als Lernwerkzeug verbreitet. Er kam in vielen Klassenzimmern und Schulformen der Welt, zum Einsatz. Durch ihn konnten Schülerinnen und Schüler die grundlegenden Rechenarten und selbst komplexere Aufgaben übersichtlich lösen und haptisch nachvollziehen.
Abakusse markieren einen wichtigen Schritt in der Geschichte des Rechnens und der Strategien, wie Lernenden Zahlen und das Rechnen nahegebracht wurden und werden. Der Schulabakus aus der Sammlung des Heimatvereins Meppen mag schlicht erscheinen, doch er erzählt viel darüber, wie frühere Generationen das Rechnen lernten. Nicht zuletzt weckt er aber auch bei Älteren nostalgische Erinnerungen an den eigenen Schulunterricht. Das unscheinbare Stück lädt dazu ein, sich auf eine Reise in die Welt des Rechnens zu begeben und einem vertrauten Lernmittel neue Aufmerksamkeit zu schenken.