Museen sind Schatzkammern: sie sammeln und bewahren Gegenstände aus vergangenen Zeiten, erforschen deren Geschichte(n) und bringen sie zum Sprechen. Dabei sind es nicht selten die auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge, die Spannendes zur lokalen Historie zu berichten haben. In der Reihe „Objekt des Monats“ werden im Stadtmagazin DER MEPPENER regelmäßig herausragende Exponate und Sammlungsstücke aus dem Bestand des Stadtmuseums vorgestellt.
(rb/bs) Vor wenigen Wochen wurde das traditionsreiche Fotohaus Prasch in Meppen abgerissen. Seit Ende der 1930er Jahre und bis 1995 hatten die Praschs mit und in ihrem Atelier am Haseufer 1 das politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und städtebauliche Leben in Meppen und im Emsland festgehalten und zugleich die hier lebenden Menschen porträtiert – quer durch alle Generationen und Gesellschaftsschichten. Bereits ab 1931, also noch vor der Eröffnung seines Geschäfts, hatte Josef Prasch in Meppen als Fotograf unter anderem im Auftrag von Zeitungen gearbeitet und dabei auch stadtkulturelle Ereignisse wie u. a. die „Braune Messe“ von 1934 im Bild festgehalten. Ein Teil seiner frühen Werke ging jedoch verloren: 1945 wurden sein Atelier und damit auch eine Anzahl seiner Arbeiten und Geschäftsunterlagen durch Kriegseinwirkung zerstört.
Schon früh entdeckte Josef Praschs Tochter Josefine ihre Leidenschaft für die Fotografie. Nach der Meisterprüfung 1939 stieg sie in das Geschäft des Vaters ein und übernahm das neu errichtete Atelier. Die Fotografin dokumentierte u. a. das „Jahrhunderthochwasser“ im Jahr 1946 und ab den späten 1940er Jahren die Zeit des Wiederaufbaus, die wieder aufgebaute Hase-Hubbrücke, die wieder hergestellte Propsteikirche, das Meppener Rathaus, die Gymnasialkirche sowie den Marktplatz. Ihre Aufnahmen erzählen in einer heroisch geprägten Bildsprache vom Neuanfang nach 1945.
Nach 1950 etablierte die Fotografin ihr Atelier am Haseufer erneut als feste Adresse für Porträts, Personen- und Familienaufnahmen, deren Anfertigung über Jahrzehnte das Kerngeschäft bildete. Zugleich reagierte sie früh auf den rasch wachsenden Markt der Laien- oder Privatfotografie und versorgte die wachsende Zahl der selbst fotografierenden Kundschaft mit Kameras, Filmen und Filmentwicklung, Beratung und Reparatur.
Mit romantisch-pittoresken Landschafts- und Ortsaufnahmen erschloss sich das Fotohaus Prasch neue Absatzmöglichkeiten. Diese Fotografien wurden wie Kunstgrafiken auf edlem Papier, in Passepartouts oder Holzrahmen angeboten und teils sogar signiert. Für das „große“ Jubiläum zur 600-Jahr-Feier der Stadtrechte lieferte Prasch 1960 fotografische Bildbeigaben für das prachtvolle Festbuch. Einige Aufnahmen wurden als Postkarten aufgelegt und als Collagen in Form von Ansichtskarten als Souvenirs auf den Markt gebracht. 1968 stieg die Tochter der Fotografin, Antje Weber, in das Geschäft ein. Mutter und Tochter führten bis 1995 das Geschäft gemeinsam.
Auch wenn mit dem technischen Fortschritt im Bereich der Privatfotografie, die immer erschwinglicher und einfacher wurde, die Nachfrage nach professionellen Aufträgen sank, blieb das Atelier für besondere Anlässe wie Hochzeiten, Taufen oder Firmungen unverzichtbar. Der Niedergang der analogen Fotografie und das Aufkommen digitaler Fototechnik ab Mitte der 1990er Jahre veränderten das Geschäft allerdings umfassend. Das Archivieren und Vorhalten der Fotonegative auf physischen Trägern wie Glasplatten, Acetat- und Polyesterfilm – jahrzehntelang ein wichtiger Betriebszweig eines jeden Fotogeschäfts – wurde mit der Digitalfotografie überflüssig. Solche Archive gingen in der Folge nicht selten verloren oder wurden sogar von den Fotografierenden selbst „entsorgt“.
Ein solches Schicksal drohte auch dem Fotonegativarchiv des Fotogeschäfts Prasch, in dem die zwischen 1931 und 1995 entstandenen Arbeiten verwahrt wurden. Immer wieder hatte es ab den 1990er Jahren von Seiten einzelner Museen und Heimatvereine Versuche gegeben, Zugang zu diesem Archiv zu bekommen oder es zu übernehmen. Doch der Erwerb dieser wichtigen fotografischen Quellen zur Meppener und emsländischen Geschichte im 20. Jahrhundert kam nie zustande. 1995 übernahm das Ehepaar Kolberg das Fotogeschäft. Die Fotografien und Negative verblieben als Archivgut im Haus und der ungehobene Schatz geriet nach und nach in Vergessenheit.
Nachdem die Kolbergs das Geschäft im Jahr 2024 aufgegeben hatten, wurde das Haus an die Stadt Meppen verkauft, die sich zum Abriss entschloss. Kurz davor wurde bei einer Begehung des Hauses im Mai 2025 eine unerwartete Entdeckung gemacht: In einer seitab liegenden Kammer und auf dem Dachboden „schlummerte“ das Archiv und lagen tausende Glas- und Filmnegative, aber auch Fotoabzüge, geschäftliche Unterlagen und familiengeschichtlicher Schriftverkehr. Das Stadtmuseum Meppen wurde benachrichtigt, das umgehend eine Bergung des gesamten Nachlasses ins Werk setzte und in einer mehrtägigen Rettungsaktion die Objekte im Juni 2025 vor Ort reinigte und in das Museumsmagazin überführte.
Eine wissenschaftliche Erschließung des Archivs und eine umfassende Restaurierung und Digitalisierung des Bestands sollen im kommenden Jahr auf den Weg gebracht werden. Mit großer Freude quittierte die Enkelin von Josef Prasch, Antje Weber, die Rettung der wertvollen Objekte.