Zeugnis eines vergessenen Krieges

Ehrenzeichen aus dem Jahr 1866

Museen sind Schatzkammern: sie sammeln und bewahren Gegenstände aus vergangenen Zeiten, erforschen deren Geschichte(n) und bringen sie zum Sprechen. Dabei sind es nicht selten die auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge, die Spannendes zur lokalen Historie zu berichten haben. In der Reihe „Objekt des Monats“ werden im Stadtmagazin DER MEPPENER regelmäßig herausragende Exponate und Sammlungsstücke aus dem Bestand des Stadtmuseums vorgestellt.

(jt/bs) Manchmal bringt der Alltag ganz unerwartet bedeutsame Zeugnisse der Vergangenheit ans Licht. So wie in diesem Fall: Bei Gartenarbeiten in Meppen stieß die Finderin auf ein kleines, rundes Metallstück. Auf den ersten Blick nichts Besonderes. Erst beim näheren Hinsehen zeigte sich, dass es sich nicht einfach um einen alten Knopf oder eine verwitterte Münze handelte, sondern um ein militärisches Ehrenzeichen aus einem vergessenen Krieg. Gerade einmal 2,8 Zentimeter misst das Ehrenzeichen im Durchmesser. Die Bronze ist über die letzten 159 Jahre – einige davon unterirdisch – stark angelaufen und das blau-gelbe Band, mit dem das Zeichen verliehen wurde, ist nicht mit aufgefunden worden. Auf der Vorderseite sind eine kleine Krone und ein „A“ abgebildet, sowie die Inschrift „Juli u. August 1866“. Auf der Rückseite steht „Nassau’s Kriegern“.

Dieses Fundstück, kaum größer als eine Münze, erinnert an einen Krieg und dessen Soldaten, der bei vielen Menschen nicht mehr in Erinnerung ist: den „Deutschen Krieg“. Dem Deutschen Krieg war 1864 der Deutsch-Dänische Krieg vorausgegangen, den Preußen gewonnen und anschließend Schleswig und Holstein besetzt hatte. Dies hatte zu einer Verschärfung der Rivalität zwischen Preußen und Österreich im Deutschen Bund geführt, was eine Eskalation und schließlich den Beginn des Deutschen Krieges zur Folge gehabt hatte.

Bereits bei den Kriegsvorbereitungen war es auf Seiten Österreichs zu gravierenden Fehlentscheidungen gekommen. Der Vormarsch der Truppen gelang nur stockend. Bei Königgrätz bezogen Österreich und deren Verbündete Stellung, doch die Kommunikation zwischen den Armeen brach ab. Die unvorteilhafte militärische Lage hatte zur Folge, dass mehrere hochrangige österreichische Militärs an den österreichischen Kaiser appellierten, schnellstmöglich eine friedliche Lösung für den Konflikt anzustreben, um Verluste zu vermeiden. Am 3. Juli kam es nördlich von Königgrätz dennoch zur Schlacht zwischen Österreich und Preußen und deren jeweiligen Verbündeten. Die Kämpfe erstreckten sich über mehrere Ortschaften, die verlustreichsten fanden aber in den Wäldern von Chlum und in Swiepwald statt. Auf der Seite Österreichs und seiner Verbündeten kam es zu hohen Verlusten. Die Schlacht endete schließlich mit dem Rückzug der österreichischen Truppen. Der Krieg dauerte jedoch noch weitere drei Wochen an, bis schließlich ein Waffenstillstand vereinbart wurde und Preußen den Krieg für sich entscheiden konnte.

Das erst 1806 gegründete Herzogtum Nassau kämpfte im Deutschen Krieg an der Seite Österreichs. Innerhalb der nassauischen Bevölkerung war die Mobilmachung durchaus kontrovers beurteilt worden. Insbesondere das liberale Bürgertum hatte sich gegen eine Mobilmachung gegen Preußen ausgesprochen. Dennoch führte Herzog Adolph als Oberbefehlshaber 6100 Soldaten seiner Armee ins Feld. Nach der Schlacht bei Königgrätz war der Krieg zwar schon verloren, die Nassauer Krieger waren aber noch an Gefechten am 12. Juli bei Zorn sowie am 24. und 25. Juli bei Tauberbischofsheim und Gerchsheim beteiligt. Mit dem Frieden von Prag endete der Deutsche Krieg am 23. August 1866. Bereits einige Tage zuvor hatte der preußische König im Vorfeld der sog. „Augustverträge“ verkündet, neben den anderen am Krieg beteiligten deutschen Staaten auch das Herzogtum Nassau mit Preußen zu vereinigen. Die Annexion wurde am 1. Oktober 1866 vollzogen. Bereits am 8. September 1866 hatte der Herzog von Nassau seine Truppe im Rahmen einer Parade im schwäbischen Günzburg verabschiedet. Im Zuge dieser Verabschiedung wurde den an den Kämpfen gegen Preußen beteiligten Kriegern das hier beschriebene Ehrenzeichen verliehen.

Doch wie gelangte eine 1866 in Schwaben verliehene militärische Auszeichnung aus Kämpfen, die knapp 700 Kilometer von ihrem Fundort entfernt stattfanden, in einen Garten in Meppen?

Es ist denkbar, dass ein Armeeangehöriger nach seiner Entlassung aus dem nassauischen Militärdienst ins Emsland übersiedelte, in Meppen ansässig wurde und das Ehrenzeichen mitbrachte. Es mag im Familienbesitz tradiert worden sein, bis es verloren ging. Ebenso könnte das Stück aber auch als Teil einer Sammlung in die Region gelangt sein. Militärische Ehrenzeichen waren und sind beliebte Sammelobjekte und erfreuen sich auf einschlägigen Auktionen entsprechend großer Nachfrage. Das Objekt könnte also sowohl zum Bestand einer Antiquitätenhandlung oder aber zu einer entsprechenden Militaria-Sammlung gehört haben. Reine Spekulation muss auch bleiben, wie das Ehrenzeichen unter die Gartenerde gelangte. Es kann wohl ausgeschlossen werden, dass es willentlich vergraben wurde. Daher ist es wahrscheinlich, dass es ganz klassisch der oder dem Besitzenden z. B. beim Unkrautjäten aus der Tasche fiel – und erst viele Jahrzehnte später schließlich zufällig wiedergefunden wurde.

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