(th) Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen ein Interview mehr wird als ein Gespräch. Wenn sich aus Antworten ein Leben entfaltet – voller Entscheidungen, Zufälle, Begegnungen und Leidenschaft. Christel Volmer, Augenoptikmeisterin aus Meppen, hat kürzlich den „Goldenen Meisterbrief“ erhalten – eine Auszeichnung für ein halbes Jahrhundert Meistertitel im Handwerk. Grund genug, innezuhalten und auf eine bemerkenswerte Lebensreise zurückzuschauen.
Geradliniger und dennoch ungeplanter Weg
Christel Volmer ist keine gebürtige Meppenerin. Ihre Wurzeln liegen in Lennep, heute ein Stadtteil von Remscheid in Nordrhein-Westfalen. Ursprünglich war es ihr Wunsch, Buchhändlerin zu werden, doch glückliche Zufälle führten sie in die Augenoptik.
„Ich bin da eher reingerutscht“, sagt sie rückblickend. Doch was zunächst pragmatisch begann, wurde bald zur Leidenschaft. Ihre Ausbildung begann sie mit 16 Jahren, sammelte Erfahrungen in ihren Gesellenjahren in mehreren Städten Deutschlands (darunter Köln, Hannover und kurzzeitig auch Hessen) und machte schließlich ihren Meisterabschluss an der renommierten Höheren Fachschule für Augenoptik in Köln. Dort legte sie auch den Fachhochschulabschluss ab – ein doppelter Erfolg.
Der Liebe wegen nach Meppen
In Lübeck begegnete sie ihrem heutigen Ehemann Hubert Volmer. Dieser hatte 2 Jahre vor ihr die Prüfungen an der HfAK abgelegt und bereitete sich in Lübeck auf die Meisterprüfung im Hörgeräteakustiker-Handwerk vor. Statt wie andere Studenten abends in die Kneipe zu gehen, trank er lieber Kaffee bei Christel, deren Arbeitsplatz zufällig gleich neben der Kneipe lag. 1978 zogen sie zusammen nach Meppen und eröffneten am 2. Mai ihr Geschäft, „Augenoptik und Hörgeräte Volmer“.
„Wir hatten jede Menge Energie“, erinnert sich Christel Volmer. Die ersten Jahre waren durch Selbstständigkeit und Familie sehr intensiv. Meppen war damals eine kleine Stadt im Wandel, gerade wurde die Fußgängerzone eröffnet. Ihre Kinder wuchsen buchstäblich in der Werkstatt im Laden auf.
Optik mit Herz und Seele –
ein Familienunternehmen im besten Sinne
Was mit einem Laden begann, entwickelte sich über die Jahre weiter. Zwei ihrer Söhne wurden ebenfalls Augenoptiker- und Hörgeräteakustikermeister, Schwiegertöchter, ebenfalls auf diesen Gebieten tätig, kamen hinzu und einen dritten Sohn zog es in die professionelle Schriftgestaltung.
„Wir fanden es wichtig, dass jeder unserer beiden in der Optik tätigen Söhne seinen beruflich eigenen Raum hat.“ Eine Entscheidung, die das Miteinander im Betrieb bis heute prägt. Jens ist in Lingen tätig und Dirk in Meppen.
Mehr als nur Brillen
Was Christel Volmer an ihrem Beruf bis heute fasziniert, ist die Kombination aus Präzision, Ästhetik und menschlichem Kontakt. „Ich habe immer nur verkauft, was ich selbst überzeugt vertreten konnte.“
Besonders interessiert hat sie sich auch für die Funktionaloptometrie – ein Bereich, der neurologische Aspekte der Sehleistung mit einbezieht. Der Blick aufs Ganze, das Verständnis für Sehen als Prozess – das treibt sie bis heute an.
Auch wenn sie inzwischen offiziell in Rente ist, arbeitet sie weiterhin im Hintergrund des Geschäfts mit und genießt den Kontakt zu langjährigen Kunden. „Wenn ich in den Laden komme und jemand sagt: ‚Ach, Frau Volmer!‘ – das ist einfach schön.“
Engagiert, belesen, vernetzt
Wer glaubt, Christel Volmer habe sich in den Ruhestand zurückgezogen, irrt gewaltig: Sie ist aktives Mitglied im Förderkreis der Stadtbibliothek (Schatzmeisterin), spielt Bridge im Meppener Bridge-Club, engagiert sich bei den Soroptimistinnen und liebt das Lesen.
„Wenn ich ein Buch anfange, ist mein Mann immer alarmiert“, erzählt sie mit einem Schmunzeln. „In ein bis zwei Tagen ist auch ein dicker Wälzer durch.“ Bücher begleiten sie, seit sie denken kann – eine Verbindung, nie ganz aus dem Herzen gewichen ist.
Begegnungen, die bleiben
Unvergesslich sind auch die Erlebnisse, die ihr der Beruf und ihre Offenheit beschert haben: Etwa die wiederholte Begegnung mit einem israelischen Augenoptiker aus Tel Aviv, den sie Jahrzehnte nach ihrer gemeinsamen Ausbildung in Köln dann erneut überraschend auf einer Optikmesse in Paris wiedersah – beide auf einer Rolltreppe, ein Blick zurück, ein Ruf, eine Freundschaft, die wieder auflebte.
Meppen
Meppen ist für Christel Volmer mehr als nur ein Wohnort geworden. „Für Familien ist es hier wunderbar – übersichtlich, sicher, freundlich. Wer einmal weg war, der weiß Meppen zu schätzen.“
Ein Rückblick auf die letzten fünf Jahrzehnte ist eine Liebeserklärung an einen Beruf, der nie langweilig wurde, an eine Stadt, die zur Heimat wurde, und an ein Leben, das geprägt ist von Verbundenheit, Freundschaft und Zusammengehörigkeit.
Christel Volmer ist nicht nur Augenoptikmeisterin – sie ist eine Frau, die Menschen sieht. Mit einem klugen Kopf, einem offenen Herzen und einem festen Fundament in Handwerk und Familie. Wer bei ihr eine Brille kaufte, bekam immer mehr: Vertrauen, Verständnis – und auch eine gute Geschichte.