(mk) Alte Stadtansichten erfreuen sich großer Beliebtheit; Veranstaltungen im JAM sind immer wieder restlos ausverkauft, wenn Erinnerungen an die Kinderzeit oder an das Lebensumfeld unserer Vorfahren geweckt werden. Eines meiner Lieblingsfotos zeigt das Meppener Rathaus (1408 aus Backsteinen erbaut und 1601 – 1605 erweitert); die typische Giebelverzierung fehlt hier, da der Sandstein im 19. Jhdt. verwittert war – erst 1910 wurde sie rekonstruiert. Auch die Gymnasialkirche, 1743 – 1746 erbaut, ist zu sehen. Zwischen beiden Gebäuden steht winzig und unscheinbar „unser Oma ihr klein Häuschen“.

Was hat es damit auf sich? Als ich Mit-Autoren für das Projekt „Emsländer schreiben über Emsländer“ suchte, meldete sich zu meiner großen Freude ein Meppener „Poahlbörger“: Josef Lienstromberg. Zahlreiche Fotos und Dokumente über seine Vorfahren hatte er gesammelt und bot an, darüber eine Geschichte zu verfassen. Bevor das Häuschen am Markt 40 um 1900 von seinen Großeltern Helene und Hermann Lienstromberg erworben wurde, gehörte es bereits dem jüdischen Kaufmann Paul Alexander. Großmutter Helene, geb. Soostmeyer, 1871 geboren, war eine in Stadt und Land bekannte „Storchentante“. 43 Jahre lang half sie Meppener Kindern auf die Welt; Josef und seine Schwester Gertrud haben ihr durch ihre umfangreichen Kenntnisse und beherztes Eingreifen ihr Leben zu verdanken. An der Kuhstraße 4 betrieb sie ausserdem einen Laden, in dem sie unter anderem Kinder- und Damenstrohhüte, Blumen, Federn, Bänder und Spitzen anbot, wie aus einem alten Originaltext zu lesen ist. Ein Mädchen und vier fußballbegeisterte Jungen wuchsen in dem Häuschen auf, einer davon war Josefs Vater Hermann, 1895 geboren. Dort, wo sich heute die Borromäus-Bücherei St. Vitus befindet, stand früher die Firma Höckerschmidt. Dort erlernte Hermann den Beruf des Schlossers und Schmieds, seine Gesellenprüfung schnitt er mit „fast sehr gut“ ab. Nebenbei drehte er bei Martin Volmer in der Kuhstraße die Wurstmühle und rollte für die Firma Bröckerhoff die schweren Pferdewagenräder über das Kopfsteinpflaster. Mit 20 Jahren wurde er in den Ersten Weltkrieg eingezogen und kämpfte in Verdun. Aus französischer Gefangenschaft konnte er sich befreien und kehrte heim nach Meppen, wo er Josefs Mutter Gertrud, geb. Schlömer, kennenlernte. Sie wurde 1893 geboren und zog während des Krieges aus Rühlermoor zum damaligen Meppener Bürgermeister Augustin in das Haus Markt Nr. 19 – immer umwehte sie ein Hauch von „4711“ und sie liebte schön geformte Hüte. Als Schneiderin kam sie auch in „Omas klein Häuschen“, wo Hermann sie buchstäblich „umgarnte“, im November 1922 wurden sie in der Propsteikirche getraut. Viele Anekdoten ließen sich noch erzählen… Die gesamte Geschichte der Familie Lienstromberg, die sich in der Margaretenstraße 20 fortsetzt, können Sie im Buch „Emsländer – Zwischenmenschliches, Berührendes, Historisches und Dönkes“ lesen (ISBN 978-3-9819113-1-2, erhältlich bei jedem Buchhändler und in den emsländischen Geschäftsstellen der NOZ). Der zweite Band „…noch mehr Emsländer“ erscheint im Oktober, ein dritter Band befindet sich gerade in Arbeit und erscheint 2021.

Das kleine Häuschen wurde 1936 / 37 abgerissen, heute steht dort ein zweistöckiges Haus. Aber die Erinnerungen bleiben durch das Weitererzählen der alten Geschichten…