Die Familie F. wohnt in Lingen. Herr F. ist ausgebildeter Pädagoge und hat mit seiner Frau M. zwei Kinder über die Backhaus Kinder- und Jugendhilfe aufgenommen. M. hat einen Migrationshintergrund, genau wie die beiden aufgenommenen Kinder C. und E..

Hallo Herr F., hallo Frau F.. Vielen Dank, dass Sie sich bereit erklärt haben, Ihr Leben als Profifamilie® unseren Lesern näher zu bringen. Würden Sie Ihre besondere Familienkonstellation einmal vorstellen? Welche Besonderheiten bringt das mit sich?
H. F.: Wir sind ja eine richtige Patchworkfamilie. Erst einmal dadurch, dass wir selber Patchwork sind und darüber hinaus, dass zwei Kinder über die Tätigkeit als Erziehungsstelle dazu gekommen sind. Hinzu kommt, dass wir eine farbig / weiße Familie sind. Meine Frau M. und unsere beiden aufgenommenen Kinder sind dunkelhäutig, ich bin hellhäutig. Das macht es gerade hier in der ländlichen Region manchmal spannender, interessanter und gelegentlich auch schwieriger. Wenn wir als Familie durch die Stadt gehen bzw. ich mit den Kindern unterwegs bin, gibt es manchmal Leute, die nicht nur gucken, sondern fast schon stieren. Das ist sicher nicht immer Unfreundlichkeit, es ist vielleicht auch einfach nur Interesse. Ich als erwachsener Mensch kann damit leben, kann es einordnen, für die Kinder aber kann es manchmal eine Herausforderung sein, wenn sie es bemerken. Wir haben aber noch Glück, dass wir hier in Lingen leben, je dörflicher es wird, umso auffälliger scheint eine „gemischte“ Familie zu sein. Wir sind hier durchaus anerkannt und gut vernetzt. M. hat ihre ehrenamtliche Arbeit im afrikanischen Frauenverein, den sie vor acht Jahren mitgegründet hat.
M. F.: Offiziell sind es jetzt 5 Jahre.
H. F.: Dadurch hat sie natürlich auch viele Kontakte zur Politik und anderen Institutionen. Sie kennt inzwischen sogar mehr Menschen hier als ich (lacht). Es ist auf jeden Fall immer wieder herausfordernd.
M. F.: Wenn ich alleine mit den Kindern in die Stadt gehe, guckt auch keiner. Es ist zwar normal, dass man uns anschaut, aber es ist nicht so extrem. Das tritt eher auf, wenn wir als Familie zusammen losgehen. Ich denke, dass viele meinen Mann dann für unseren Betreuer halten und uns für Geflüchtete. Diejenigen, die uns nicht kennen, sehen uns nicht als Paar. Das sehe ich an der Mimik der Menschen. Das ist ein komisches Gefühl und es ist auch sehr anstrengend. Früher habe ich das auch nicht so sehr wahrgenommen, aber dann hatte ich, bedingt durch eine Operation, eine Zeit, in der ich selber nicht so stark war und es mir nicht gut ging. Wenn man selber nicht so stark ist, ist man auch empfänglicher für die Blicke der anderen Leute. Unser C. hatte zudem eine Zeit lang einige Stresssituationen in der Schule. Mit diesen eigenen Erfahrungen verstehe ich auch, wie hart das für ihn gewesen sein muss, mit dem „anders sein“ umzugehen.
H. F.: Das war für ihn auch garantiert nicht einfach!

Warum haben Sie sich überhaupt dafür entschieden, Erziehungsstelle zu werden und Kinder aufzunehmen?
H. F.: Auf einer Jobmesse habe ich von meiner vorherigen Tätigkeit zu tun gehabt und mich dann zufällig mit einem Erziehungsleiter der BKJH länger unterhalten. Ich habe mich einfach dafür interessiert, was die Einrichtung so macht. Da ich früher auch als freier Mitarbeiter bei der hiesigen Regionalzeitung tätig war, hatte ich vor Jahren auch schon einmal einen Bericht über Backhaus geschrieben. Als studierter Sozialarbeiter fand ich dieses Konzept der Profifamilie® schon immer interessant. Ich hatte auch mal ein Interview mit den Gründern gemacht und Herr Backhaus sagte damals „Komm doch zu uns“. Damals passte es aber noch nicht so in mein Leben. Zu diesem Zeitpunkt auf der Jobmesse war es perfekt. Wir haben dann abgemacht, dass eine der Meppener Erziehungsleitungen zu uns nach Hause kommt und uns über das Konzept genauer informiert. Nach diesem Termin haben wir das Ganze für uns in Ruhe überdacht. Da ich in meinem alten Job aber eigentlich sehr zufrieden war, habe ich mich dann dafür entschieden, diese Tätigkeit weiterhin in Teilzeit auszuführen, damit wir ein Kind aufnehmen konnten, was auch einer „Teilzeitstelle“ entspricht. Naja, du siehst das Ergebnis, wir haben zwei aufgenommene Kinder (lacht).

Wie ging es weiter?
H. F.: Wir haben dann an einem Vorbereitungskurs teilgenommen. Am Ende des Vorbereitungskurses kam irgendwann ein DIN-A4-Zettel mit zahlreichen Vorschlägen. Irene, die den Kurs geleitet hatte, sagte: „Ich dachte, diese jungen Menschen hier könnten gut zu euch passen. Dann haben wir geschaut und es waren zwei Geschwisterkinder. Daraufhin mussten wir erst einmal überlegen, da der Plan ja eigentlich war, lediglich ein Kind aufzunehmen. Wir haben uns dann dazu entschlossen, in Begleitung von Irene nach Berlin zu fahren und die beiden jungen Menschen kennenzulernen. Zunächst waren wir beim dortigen Jugendamt und haben uns vorgestellt. Nachdem die Pädagogen des Jugendamtes gesagt haben, dass sie sich gut vorstellen können, dass es passt, haben wir die Geschwisterkinder kennengelernt. Und dann war es schon zu spät (lacht)! Sechs Wochen lang sind wir anschließend zur Anbahnung jedes Wochenende nach Berlin gefahren. Direkt nach der Arbeit ging es los auf die Straße und ab nach Berlin. Wir haben dann sehr viel mit den beiden jungen Menschen unternommen. Das war eine intensive, aber auch anstrengende Zeit. Am 27.05.2015 war es dann so weit und wir durften die Zwei mit nach Hause nehmen. Im Rahmen des Familiennachzuges war ein halbes Jahr vorher die jugendliche Tochter meiner Frau gekommen. Wir sind also von einer Pärchen-Situation gleich voll ins Familienleben durchgestartet (lacht). Es war eine sehr spannende und tolle Zeit.

Wie war es dann an dem Tag, an dem Sie die Kinder mitnehmen durften nach Hause, wie hat sich das angefühlt?
M. F.: Ich konnte leider nicht dabei sein, aber meine Tochter ist mitgefahren.
H. F.: Genau, ich habe damals unsere Große mitgenommen, die zu dem Zeitpunkt auch noch gar nicht richtig Deutsch konnte. Wir sind alle zusammen über Pfingsten hingefahren, aber M. musste eher wieder ins Emsland und ist alleine mit dem Zug zurückgefahren. Zunächst war auch Irene, unsere Erziehungsleitung, noch dabei. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wie es sich damals angefühlt hat. Aber ich kann sagen, wie es sich jetzt anfühlt: Jetzt fühlt es sich so an, als wenn es wirklich eine Familie ist! Ich möchte die Kinder nicht mehr missen! Wenn ich daran denke, dass sie eines Tages aus dem Haus gehen, kriege ich direkt einen Kloß im Hals.

Wie läuft es denn seitdem? Wie war der Einstieg für E. und C.?
H. F.: Inzwischen läuft es sehr gut. Zum einen war da anfangs natürlich die Sprachbarriere, zum anderen dauert auch die Eingewöhnung in eine neue Stadt, eine neue Familie, ein neues Leben einige Zeit, sodass bei beiden fast schon eine Überforderung spürbar war. Wir haben daraufhin beide Kinder in Absprache mit der Vormundin ein Jahr von der Schule zurückstellen lassen, was genau die richtige Entscheidung war. Wir hatten dann Zeit, die emotionale Bindung zu stärken und gerade bei unserer E. war es so, dass die Kita-Mitarbeiterin sagte: „Die E. ist noch nicht so weit, die spielt noch so gerne“. Wir haben gelacht und uns gefreut, dass wir ein Jahr mehr gemeinsame Zeit haben, bevor „der Ernst des Lebens“ beginnt.
M. F.: Für C. war es in der Schule anfangs schwer. C. war das einzige dunkelhäutige Kind und nicht alle anderen Kinder haben gut auf ihn reagiert. Er hat daheim erzählt, was seine Schulkameraden zu ihm gesagt haben und einige Ausdrücke haben ihn und auch mich schon sehr traurig gemacht. Gewundert hat uns, dass das gar nicht unbedingt deutsche Kinder, sondern selber junge Menschen mit Migrationshintergrund waren, die ihn diskriminiert haben. Nach vielen Gesprächen und einer gewissen Eingewöhnung hat sich das aber gelegt und inzwischen geht er gerne zur Schule.

Wie unterscheidet sich das Leben als Erziehungsstelle von dem einer „normalen“ Familie?
M. F.: Der Unterschied ist, dass du die Erziehung bei deinem eigenen Kind nicht in dem Maße reflektierst, wie du es als Erziehungsstelle tust. Bei der Erziehung meiner leiblichen Tochter habe ich mehr aus Intuition gehandelt. Bei C. und E. denke ich schon im Voraus mehr über meine Handlung nach und welche Folgen sie für die Beiden hat. Und es ist so, dass ich den beiden Kleinen umso mehr Liebe geben will, weil ich weiß, dass sie die vorher nicht bekommen haben (lacht).
H. F.: Für mich ist es auch so, dass ich mein Verhalten in der Erziehung viel mehr reflektiere und kritisch hinterfrage – insbesondere vor pädagogischen Gesichtspunkten. Die Erziehung ist schließlich auch meine berufliche Aufgabe. Was noch anders ist, ist dass die Vormundin natürlich auch eine wichtige Rolle im Leben der Kinder spielt. Sie ist regelmäßig hier und wir tauschen uns aus. Unsere Vormundin kümmert sich super um die Kinder, sie ist sehr verständnisvoll und interessiert. Die andere wichtige Person, die in einer „normalen“ Familie keine Rolle spielt, ist unsere Erziehungsleitung Susanne. Wenn ich Bedarf habe, kann ich sie jederzeit erreichen. Zudem treffen wir uns bei den wöchentlichen Erziehungskonferenzen mit den anderen Erziehungsstellen. Das finde ich gut, weil wir einen regelmäßigen Austausch haben, uns gegenseitig Tipps geben und Beratung einholen können, wenn wir an bestimmten Punkten nicht weiter kommen. Susanne ist eine sehr erfahrene Erziehungsleitung, die über die Jahre schon viele Profifamilien betreut hat. Sie hat immer tolle Ideen und hilft uns auch sehr gut, unser eigenes Verhalten zu reflektieren. Natürlich ist diese enge Zusammenarbeit nicht nur Beratung, sondern auch ein Stück Kontrolle. Aber uns ist klar, dass diese Kontrolle sehr wichtig ist, um sicherzustellen, dass es den aufgenommenen Kindern in den Familien gut geht und sie die Hilfen bekommen, die sie benötigen. Dazu gehören auch die regelmäßigen Hausbesuche, durch die BKJH, aber auch durch die Vormundin. Das gibt uns ein relativ enges Setting, aber das finde ich gut, denn es gibt uns als Erziehungsstelle auch mehr Sicherheit. Zudem werden wir unterstützt. Es gibt beispielsweise zwei 6-Stunden-Kräfte, die insgesamt für 12 Stunden im Monat etwas mit den Kindern unternehmen. Das dient meiner Entlastung.

Für wen ist die Tätigkeit als Erziehungsstelle der richtige Beruf, bzw. für wen ist es eine Berufung? Was müssen die Personen mitbringen?
H. F.: Ein humanistisches Weltbild ist sicherlich die Grundvoraussetzung. Eine bestimmte Weltoffenheit gehört dazu, denn auch der Umgang mit der Herkunftsfamilie ist ein wichtiger Aspekt der Tätigkeit als Profifamilie. Und dann natürlich die fachlichen Qualifikationen, die man als Erziehungsstelle nach dem pädagogischen Konzept von Backhaus benötigt. Zudem braucht man Enthusiasmus, denn die Arbeit mit den jungen Menschen stellt einen immer wieder vor besondere Herausforderungen. Dazu benötigt man auch Erfahrungswerte, um diesen Situationen mit einer gewissen Gelassenheit zu begegnen. Ich würde es deshalb nicht unbedingt Personen empfehlen, die gerade frisch aus dem Studium kommen.
M. F.: Ich sehe das genauso. Ich bin froh, dass ich als Mutter schon viel Erfahrung gesammelt hatte, bevor wir die Kinder aufgenommen haben. Daher kannte ich viele Situationen schon und konnte einige Dinge entspannter sehen. Die Kinder, die in Erziehungsstellen aufgenommen werden, haben mehr erlebt als andere Kinder in dem Alter. Sie haben mehr zu verarbeiten und brauchen dazu Erwachsene, die sehr gefestigt in ihrer Persönlichkeit und in ihrem Verhalten sind.

Was macht das Konzept Profifamilie, als pädagogisches Konzept für Erziehungsstellen, für euch aus?
H. F.: Ich fühle mich wohl in diesem Konzept, weil ich eigenverantwortlich arbeiten kann und gleichzeitig sehr gut betreut werde. Das Konzept gibt es ja schon viele Jahre und das merkt man auch. Der Vorbereitungskurs ist sehr durchdacht und auch das Konzept wird immer wieder hinterfragt und weiter entwickelt. Das Kind steht immer im Fokus und das gefällt mir besonders gut.
M. F.: Das Gute bei Backhaus ist, dass, egal welche Probleme es gibt, sie immer für uns da sind. Wir bekommen viel Unterstützung. Es fühlt sich an wie eine große Familie, es kann einfach nichts schief gehen. Das gibt uns Sicherheit. Auch die Konferenzen mit den anderen Familien sind sehr hilfreich. Man sieht, dass andere vor den gleichen Herausforderungen stehen und stärkt sich gegenseitig. Das gibt viel Kraft, auch in schwierigen Zeiten.

Könnt ihr das Leben als Profifamilie mit 5 Wörtern beschreiben?
H. F.: Aufregend, anstrengend, herausfordernd, liebevoll, schön!
M. F.: Es ist sehr schön, das Leben als Familie. Und ein Familienleben ist immer anstrengend, das ist ganz normal. Wichtig ist, dass die schönen Momente überwiegen. Und das tun sie! Wenn es nicht anstrengend ist, ist es auch langweilig (lacht).

Vielen lieben Dank für die Einblicke in euer Leben als Profifamilie®!